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Inventur der deutschen Goldreserven

270.316 Barren einzeln aufgelistet

Die Goldreserven der Bundesrepublik Deutschland werden ab sofort in einem öffentlich zugänglichen Verzeichnis minutiös aufgelistet – Barren für Barren mit Einzelgewicht, Lagerort und Inventarnummer.

Deutschland verfügt nach den USA mit knapp 3385 Tonnen über die zweithöchsten Goldbestände der Welt. Mehr als zwei Drittel davon lagern im Ausland: in New York, London und Paris. Das ist ein Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges. Aus Sicherheitsgründen sollte nicht der ganze Goldschatz quasi direkt an der Grenze zum Ostblock gelagert werden. Aber gibt es das Gold tatsächlich oder existiert es nur auf dem Papier? Und: Hätte die Bundesbank heute im Ernstfall überhaupt Zugriff darauf?

Zwei Drittel des Bundesbank-Goldes im Ausland

Waren es zunächst nur einige Verschwörungstheoretiker, die die Goldbestände des deutschen Volkes in Gefahr sahen, so schlossen sich in der Folge immer mehr prominente Politiker und Meinungsführer der Forderung an, die Goldreserven der Bundesbank einer gründlichen Inventur zu unterziehen und sie großenteils in heimischen Tresoren zu lagern. Nicht zuletzt der Wunsch des Bundesrechnungshofs nach einer regelmäßigen Bestandsaufnahme mag schließlich den Ausschlag gegeben haben, ab sofort den deutschen Goldschatz in einem Verzeichnis jährlich neu aufzulisten und zu veröffentlichen. Dabei wird jeder der über 270000 Barren einzeln aufgeführt – mit Inventarnummer, Gewicht, Feinheit und dem momentanen Lagerort.

Die erste Ausgabe des Berichts „Goldbestand der Deutschen Bundesbank“ (Stand: 31.12.2014) erschien im Oktober 2015 und umfasst 2302 Seiten. Er kann von jedermann kostenlos im Internet eingesehen oder ausgedruckt werden (www.bundesbank.de/Redaktion/ DE/Downloads/Themen/2015_10 _07_gold.pdf). Aus dieser umfangreichen Liste geht hervor, dass der zweitgrößte Goldschatz der Welt zum Stichtag aus genau 270316 Barren bestand, die 3384228 Kilogramm Gold enthalten, was umgerechnet fast 108 Millionen Feinunzen im Wert von weit über 100 Milliarden Euro entspricht.

95364 Barren lagerten davon bei der Bundesbank in Frankfurt, rund 12500 mehr als noch zwei Jahre zuvor. Die Bank of England in London verwahrte zum Stichtag 35066 Barren Bundesgold und die Banque de France in Paris noch 24455. Der Löwenanteil liegt mit 115431 Barren nach wie vor bei der Federal Reserve Bank in New York.

Die Goldbarren wiegen durchschnittlich 12,5 Kilogramm, wobei jeder Barren sein individuelles Gewicht hat, das aufs Zehntel Gramm genau in der Inventarliste verzeichnet ist. Groß sind die Differenzen nicht, da die Barren einen sehr hohen Feingehalt besitzen, der stets über 995/1000 liegt. Aber bei der immensen Menge macht es unterm Strich schon etwas aus, ob der Barren nun 996,2 oder 998,6 Tausendstel des gelben Edelmetalls enthält.

Deutschland nach Inventur um 54 Unzen reicher

Häufig sind in den USA Tranchen von etwa 20 Barren zu einem sogenannten „Melt“ (Schmelze) zusammengefasst. Diese Barren haben allesamt die gleiche Feinheit, da sie in einem Schmelzvorgang gemeinsam gegossen wurden. Allerdings haben sie unterschiedliche individuelle Barrengewichte, so dass nur das Melt als Ganzes in der Liste ausgewiesen wird. Dies hat übrigens dazu geführt, dass der Bundes-Goldschatz durch die Verlagerung nach Deutschland ein bisschen angewachsen ist, um genau 54 Unzen nämlich! Denn beim Zugang in Frankfurt wurden die Meltbarren einzeln gewogen, geröntgt und mit Ultraschall geprüft, ehe sie einzeln in die Bestandslisten dieser Lagerstelle aufgenommen wurden. Summiert man nun die Einzelgewichte der Barren des verlagerten Melts und vergleicht diese Summe mit dem Gesamtgewicht des Melts, ergeben sich geringfügig höhere Gewichte zugunsten der Deutschen Bundesbank. Außerdem wurde festgestellt, dass die Feinheit zweier Barren bislang zu gering ausgewiesen wurde.

Verkäufe sind bei Deutschlands Goldreserven trotz immer mal wieder geäußerten Begehrlichkeiten aus allen Teilen der Gesellschaft tabu. Bis auf eine Ausnahme: Für die Prägung der bundesdeutschen 20- und 100-Euro-Goldmünzen wird alljährlich die benötigte Menge abgezweigt. Da es seit Jahrzehnten keine Zukäufe gibt, nimmt der Bestand deshalb um etwa drei bis sechs Tonnen pro Jahr leicht ab.

Aber aus welcher Zeit stammen die hohen Bundesbank-Goldreserven eigentlich? Man könnte sagen: Es ist Wirtschaftswunder-Gold. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen mit null Tonnen Gold angefangen. Erst die hohen Leistungsbilanzüberschüsse in den 1950er und -60er Jahren ließen den Goldschatz anwachsen. Sie wurden an den großen Bankenplätzen, zum Beispiel in New York, teilweise direkt in Edelmetall ausgeglichen. Schließlich lagerten in den USA über 1500 Tonnen deutsches Gold, ohne dass jemals auch nur ein Barren davon direkt von Deutschland nach Amerika verschifft worden wären.

Auch heute macht die Lagerung von Teilen des Goldschatzes in den USA und Großbritannien Sinn, denn wenn schnell Devisen in US-Dollar oder Pfund benötigt werden, können direkt vor Ort Edelmetallreserven verkauft werden. Seit der Einführung des Euro allerdings konnte damit nicht mehr erklärt werden, warum bis zum Start der Rückholaktion zwölf Millionen Feinunzen deutschen Goldes, gegossen in genau 29775 Barren, in Paris lagerten. Es ist geplant, sie bis 2020 Zug um Zug nach Frankfurt zu schaffen, ebenso 300 Tonnen aus New York. So soll in fünf Jahren die Hälfte des deutschen Goldes im Heimatland lagern.

Große Tresorkapazitäten aus Zeiten der Euro-Einführung

Neue Tresore muss man dafür übrigens nicht bauen. Die Tresorkapazitäten, die zur Euro-Einführung bei gleichzeitigem Rücklauf der DM-Bestände aufgebaut wurden, haben sich mittlerweile wieder teilweise geleert. Dort ist jetzt Platz für das Gold. Allerdings steigen die Kosten für die Bewachung des Schatzes: Im Bundeshaushalt 2015 wurden Mittel für 206 neue Planstellen bei der Bundespolizei geschaffen. Im Vergleich zu den USA hört sich das dennoch bescheiden an. Dort sind es nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 10000 Soldaten und 300 Panzer der 1. US-Infanteriedivision, die zum Beispiel das Goldlager im legendären Fort Knox sichern.


Vollständiger Artikel im DEUTSCHEN MÜNZEN MAGAZIN März/April 2016.


Fein säuberlich gestapelt und einzeln nummeriert sind die Barren des deutschen Goldschatzes. Die Barren oben lagern übrigens schon seit fast 50 Jahren in Frankfurt. Sie wurden 1968 gegossen.

Punze „US ASSAY OFFICE NEW YORK 1961“, mit der Echtheit und Herstellungsjahr eines US-Barrens gerantiert wird.

Jeder einzelne Barren, der jetzt von Paris, London und New York nach Deutschland zurückgeholt wird, muss aufs Zehntel Gramm genau gewogen werden, ehe er in die Inventarliste aufgenommen wird. Fotos: Bundesbank

 

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